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Origo · Atem

Hundert Atemzüge — den Kopf leiser stellen

Eine schlichte Zähl-Praxis für einen ruhigeren Geist — und einen Atem, der den Tag wieder in seinen Takt bringt.

Monica GallettiGründerin · Rubedo Spa
Veröffentlicht
Lesezeit
7 Min.
Inkl.
Rubedo Impuls

Oft bemerkt man es gar nicht: Zwischen zwei Terminen beschleunigt sich das Tempo der Gedanken — und während der Körper längst am nächsten Ort angekommen ist, beschäftigt sich der Geist noch mit dem Vorher oder schon mit dem Danach.

Viele Menschen kennen dieses Gefühl: Der Tag bewegt sich weiter, die Aufmerksamkeit folgt ihm nur noch teilweise. Dabei liegt eines der wirksamsten Gegenmittel näher, als wir oft glauben — im nächsten Atemzug. Und im darauffolgenden. Bis hundert.

Nicht weniger Stress.
Anders mit ihm leben.

Stress gehört nicht zwangsläufig zu den Dingen, die verschwinden müssen. Er entsteht häufig dort, wo etwas Bedeutung hat: in Verantwortung, in Beziehungen, in Projekten, die uns am Herzen liegen. Ein Leben ohne jede Anspannung wäre vermutlich auch ein Leben ohne Beteiligung.

Die entscheidende Frage lautet deshalb nicht immer, wie sich Stress vermeiden lässt — sondern wie wir ihm begegnen.

Die Forschung beschäftigt sich seit Jahren mit den Auswirkungen chronischer Belastung auf Wohlbefinden und Gesundheit. Gleichzeitig wächst das Interesse an einfachen Ritualen, die dabei unterstützen können, zwischendurch wieder einen Moment von Präsenz und innerer Ordnung zu finden.

Eine dieser Praktiken ist überraschend schlicht: hundert Atemzüge zählen. Nicht als Leistung, nicht als Wettbewerb — sondern als Einladung, für einige Minuten bei einer Sache zu bleiben.

Warum das Zählen wirkt

Ein unruhiger Geist sucht fortwährend nach dem nächsten Anker. Dem nächsten Gedanken. Der nächsten Aufgabe. Der nächsten Entscheidung. Die Zahlen geben der Aufmerksamkeit etwas anderes — etwas Ruhiges, etwas Neutrales.

Einatmen, „eins“.
Ausatmen, „zwei“.
Einatmen, „drei“.
Ausatmen, „vier“.

Die Aufmerksamkeit erhält eine einzige Aufgabe. Gleichzeitig wird sichtbar, wann sie sich entfernt hat — meist genau in dem Moment, in dem die Zahl verloren geht. Dieser Augenblick gehört zur Übung.

Gedanken dürfen auftauchen. Erinnerungen, Pläne und innere Dialoge erscheinen und ziehen weiter. Mit jeder Rückkehr zum Atem entsteht eine kleine Bewegung zurück in die Gegenwart — nicht durch Anstrengung, sondern durch Wiederholung.

Frau im Profil mit geschlossenen Augen vor warmem Lichtkreis, ruhiger Moment der Sammlungcr
Der Atem ist immer da — ein verlässlicher Rhythmus, zu dem wir jederzeit zurückkehren können.

Ein stiller Anker im bewegten Tag

Der besondere Reiz dieser Praxis liegt in ihrer Unauffälligkeit — sie begleitet den Tag, anstatt ihn zu unterbrechen.

Am Schreibtisch vor einem Gespräch.
Im Zug auf dem Weg nach Hause.
Während eines Spaziergangs.
Oder in den Minuten zwischen zwei Aufgaben.

Der Atem ist immer da — und gerade deshalb eignet er sich so gut als Orientierungspunkt. Während vieles Aufmerksamkeit verlangt, bleibt er ein verlässlicher Rhythmus, zu dem wir jederzeit zurückkehren können.

Wenn der Atem Raum schafft

Langsames, bewusst begleitetes Atmen wird in der Forschung zunehmend mit Erholung, Selbstregulation und innerer Ausgeglichenheit in Verbindung gebracht. Beschrieben wird dabei ein Zusammenspiel zwischen Atmung, Aufmerksamkeit und verschiedenen Prozessen des vegetativen Nervensystems.

Viele Menschen berichten, dass sich mit ruhigem Atmen eine besondere Qualität einstellt: Der Atem wirkt tiefer, der Körper weicher, die Gedanken geordneter. Situationen, die eben noch eng erschienen, gewinnen wieder etwas Weite.

Diese Erfahrung steht im Mittelpunkt der Übung. Nicht die Perfektion, nicht die richtige Technik — sondern die Möglichkeit, den eigenen Zustand für einen Moment bewusster wahrzunehmen.

Die Praxis: hundert Atemzüge

Der Luxus dieser Übung liegt in ihrer Schlichtheit — ein Atemzug, eine Zahl, ein ruhiger Faden durch den Tag.

Auch Nähe reguliert

Der Umgang mit Belastung ist selten eine rein individuelle Angelegenheit. Menschen sind auf Verbindung angelegt.

Gespräche, gemeinsame Zeit, Berührung, Zugehörigkeit und echte Aufmerksamkeit prägen unser Erleben oft stärker, als uns im Alltag bewusst ist.

Die Forschung bringt soziale Verbundenheit zunehmend mit Wohlbefinden und emotionaler Stabilität in Verbindung. Viele Menschen erleben, dass Herausforderungen leichter erscheinen, wenn sie geteilt werden können.

Vielleicht gehört auch das zur Kunst eines langen, erfüllten Lebens: nicht alles allein tragen zu müssen.

Jeder gezählte Atemzug gibt der Aufmerksamkeit einen Ort, an den sie zurückkehren kann.
Lösen und binden — Solve et Coagula — das ist die ganze Alchemie.

Monica Galletti

Wenn aus einer Übung ein Ritual wird

Viele Menschen entdecken die hundert Atemzüge zunächst als kleine Pause im Alltag. Einige bleiben genau dort.

Andere bemerken mit der Zeit, dass sich hinter dem Atem noch etwas anderes zeigt: die Art, wie sie mit Anspannung umgehen, wie sie präsent bleiben, wie sie zu sich selbst zurückfinden.

Dort beginnt die geführte Arbeit. Sie lebt von Aufmerksamkeit — und von einem Gegenüber, das zuhört.